Weimarer Klassik und Romantik

Nachdem die Gemeindeverwaltung von Oberammergau bereits im Jahr 1830 und 1839 bei der Regierung von Oberbayern erfolglos um die Besetzung des Pfarramtes durch Josef Alois Daisenberger gebeten hatte, wird dieser endlich im Juni 1845 von Uffing, wo er seit 1832 Pfarrer war, nach Oberammergau berufen. Ob dafür die dritte Bittschrift ausschlaggebend war ist nicht sicher. Die Oberammergauer definieren darin ihre Erwartungen an Daisenberger ganz klar: „...er als ausgezeichneter Schulmann auf unsere Kinder, mit seinem Kunstsinn auf unsere Industrie, mit Lehre und Beispiel auf unser geistiges Wohl, und mit rechter Würde auf die Passions-Vorstellung [...] nur segensreich wirken wird.”[1]
1799 wurde Alois Daisenberger in Oberau, welches nur wenige Kilometer vom Kloster Ettal und damit auch von Oberammergau entfernt liegt, geboren. Ab 1804 besuchte er den Unterricht bei Pater Otmar Weiss.[2] Im Oktober 1812 trat er ins Gymnasium[3] des kgl. Holländ’schen Institut in München ein, welches er im Sommer 1816 abschloß. Von 1817 bis 1820 studierte Daisenberger an der Landshuter Universität, dessen prägendste Gestalt Johann Michael Sailer war. Danach unterrichtete er die Kinder in seinem Heimatort. Im Oktober 1821 wurde er zum Priester geweiht. Die Primiz Messe fand in Oberau statt, bei der Pater Othmar Weis die Festpredigt hielt und für die Rochus Dedler extra eine Messe komponierte. Danach erwarteten ihn unterschiedliche Aufgaben in verschiedensten Gemeinden in Bayern bis er endlich 1845 sein Ziel erreicht. „Von erster Jugend an hatte ich eine besondere Vorliebe für Oberammergau. Als Kind erwartete ich jährlich sehnsuchtsvoll die Kirchweihe von Ammergau; als studierender Jüngling erlebte ich dort sehr angenehme Stunden; in meinen ersten Priesterjahren war es das letzte Ziel meiner Wünsche in Beziehung auf den Ort meines Wirkens: Pfarrer in Oberammergau zu werden;”[4]
Die Oberammergauer übertrugen ihm die Spielleitung des Passionsspiels und die Textrevision, welche sich für das Jahr 1850 jedoch nur auf Streichungen und geringe sprachliche Veränderungen beschränkte.[5]
Mit 1850 setzt durch Martin Deutinger[6] und im Besonderen durch den Regisseur und Theaterhistoriker Eduard Devrient[7] eine kulturhistorische Rezeption ein, die Oberammergau als nationales Erbe eines idealisierten Mittelalters sieht, die aber auch beginnt, Kritik in künstlerischer Hinsicht zu üben. Auch die Regierung von Bayern fordert eine neuerliche Bearbeitung des Textes. Pfarrer Daisenberger berichtet am 21. Dezember 1858 der Regierung, „daß der Entwurf des Passionstextes für das Jahr 1860 resp. Die Revision des bisherigen Passionstextes, womit ich betraut wurde, vollendet ist.”[8]
Die Bearbeitung der Passion 1860[9] war stark geprägt durch die klassische Tragödie und benutzte wie diese antike Elemente. „Statt der Aktualisierung bei Weis setzte er auf Allgemeingültigkeit, statt auf Realismus auf Erhabenheit und Idealisierung, statt des Politischen auf das Psychologische.”[10] Im Zeitgeist der Romantik fügte Daisenberger dem Spiel wieder legendenhafte Szenen ein, arbeitet mit einer bildhaften Sprache, und deutet das Heilsdrama als Kampf zwischen Licht und Finsternis.[11]
Daisenberger jongliert in beinahe postmoderner Manier mit literarischen Figuren und Stilelementen. Er bedient sich der in der Romantik sehr beliebten Ironie, indem er die Gegner Jesus immer wieder christliche Heilswahrheiten aussprechen läßt, welche diese eigentlich im umgekehrten Sinn meinen, wie z.B.: „Nur durch den Tod des Jesus von Nazareth kann und muß das Volk Israel gerettet werden.” Oder: „In seinem Tod ist unser Heil.”[12]
In Form von Überblendungen legt Daisenberger den Gegnern Jesu Worte der Anhänger Jesu in den Mund. So erhält z.B. der Hohe Priester Annas Züge des Greisen Simeon, der im Hohen Alter endlich den lang erwarteten Messias sieht, nur beziehen sich die Worte Annas´ auf das Glück im hohen Alter den Hohen Rat wieder vereinigt zu sehen gegen den Feind Jesu.
Daisenberger läßt sich von Goethes Faust und dessen Verzweiflungsszene ‚Wald und Höhle‘ inspirieren zur Verzweiflungsszene des Judas nach dem Verrat an Jesus.
Die Begegnung Marias und Jesus am Kreuzweg gestaltet Daisenberger in der antiken Form der Anagnorisis.
In den Prologen greift er zur alkäischen, sapphischen oder asklepiadischen Strophenform.
Der Aufbau des Passionsspiels weist eine inhaltliche Symmetrie auf. Beginnend mit der Volksszene ‚Einzug in Jerusalem‘ bei der alle für Jesus sind, führt uns der erste Teil bis zur Einsamkeit am Ölberg und somit dem Verlust aller Freunde. Der zweite Teil ist geprägt durch eine Zunahme der Feinde Jesu, bis zur der Szene, wo das Volk von Pilatus die Kreuzigung Jesu fordert. In der Mitte dieser beiden Teile liegt die Achse der Einsamkeit. Der dritte Teil zeigt die Erhöhung Jesu und somit seine Unabhängigkeit von den Menschen.
Für die Passionsspiele im Jahr 1870 versucht Daisenberger dem Passionsspiel eine endgültig geschlossene Form zu geben, indem er den Text in deutschem Blankvers faßt und zu den lebenden Bildern neue Prologe im antiken Odenmaß schreibt. Doch wurde diese Gesamtkomposition aus unbekannten Gründen nie aufgeführt. Trotzdem wird das Spiel seither als Daisenberger Passion bezeichnet, ohne Berücksichtigung der Weiss’schen Vorgaben. Otto Huber hat nachgewiesen, daß in der Fassung von 1860 noch ungefähr die Hälfte des Textes teils wörtlich, teils sinngemäß von Weis übernommen wurden[13].
Daisenbergers Arbeit ist weniger die eines Künstlers, vielmehr die eines wissenden Handwerkers. „Ich fühle, daß es ein meine schwachen Kräfte übersteigendes Wagnis war, das heilige Drama, dieses Vermächtnis altdeutscher Frömmigkeit, zu behandeln, da mir sowohl das tiefere Verständnis der dramatischen Kunst abgeht, als auch die Art meiner Erziehung, die in die Aufklärungsperiode fiel, nicht dazu angethan war, jenen tief innig frommen Sinn der deutschen Altvordern in mir zu pflegen, der allerdings in meinem Vaterhause in mich gelegt war. Doch – ich habe mich nicht hinzugedrängt, ich übernahm die Arbeit, weil sie höheren Orts angeordnet war und sich kein anderer dazu fand, mit besten Willen, in Liebe zu meinen göttlichen Erlöser und in Hinblick auf ein Ziel: die Erbauung des christlichen Volkes.”[14]
Daisenbergers großer Verdienst war es die Passion zeitgemäß zu gestalten, wobei die Ideen, auf welchen die Bearbeitung basierte, bereits schon veraltet waren. Dies läßt sich einerseits auf eine gewisse Verspätung der süddeutschen und österreichischen Literatur im allgemeinen und andererseits einem spezifischen Hinterherhinken Oberammergaus zurückführen.
[1]GAO. Gesuch der Gemeinde Oberammergau an König Ludwig I. Zweitschrift, Gemeindeverwaltung Oberammergau. Oberammergau, 20. Mai 1845
[2] Vgl.: Kap. 2.3
[3] Entspricht der heutigen Oberstufe.
[4] GAO. Daisenberger, J. Alois: Brief an Verleger Johann Lang (Oberammergau). Uffing, 23. 8. 1839
[5] Vgl.: GAO. Daisenberger, J. Alois: Passionstextbuch 1850. Vgl.:Huber, Otto / Helmut Klinner / Dorothea Lang: Die Passionsaufführungen in Oberammergau in 101 Anmerkungen. In: Hört, sehet, weint und liebt. Passionsspiele im alpenländischen Raum. S. 168
[6] Deutinger, Martin von: Das Passionsspiel in Oberammergau. Berichte und Urtheile über dasselbe, gesammelt von dem Herausgeber.
[7] ebd. Bd.3 S.125-189
[8] GAO, Daisenberger, J. Alois: ”Entwurf”. S.7
[9] ebd.
[10] Huber, Otto / Helmut Klinner / Dorothea Lang: Die Passionsaufführungen in Oberammergau in 101 Anmerkungen. In: Hört, sehet, weint und liebt. Passionsspiele im alpenländischen Raum. S. 169
[11] Huber, Otto: Dichten ‚mit glänzendem Angesichte‘: Daisenbergers Reform des Passionsspiels. In: J.A. Daisenberger. Das Urbild eines gütigen Priesters. Hrsg. V. Helmut W. Klinner. S. 67-88
[12] ebd. S.74
[13]vgl.: Huber, Otto: Dichten ‚mit glänzendem Angesichte‘: Daisenbergers Reform des Passionsspiels. In: J.A. Daisenberger. Das Urbild eines gütigen Priesters. Hrsg. V. Helmut W. Klinner. S. 69f
[14] ebd. S.72